journalistenblatt

Die Journalistenverbände verbinden

Küchenzuruf bringt Aufmerksamkeit

Freie Journalisten, die am Anfang ihrer Selbstständigkeit stehen oder neue Kunden akquirieren möchten, kommen meist nicht drum herum: Klinken putzen bei den Redaktionen. Welche Strategien der Kontaktaufnahme haben sich bewährt? Und auf welchem Weg erhalten Redakteure am liebsten Themenvorschläge von Freien?

Von Sabine Olschner

W er schon einmal einen Blick in eine Redaktion geworfen hat, weiß, dass die meisten Redakteure zeitlich unter Druck stehen. Daher lautet der wichtigste Rat an freie Journalisten bei der Akquise von Neukunden: Kommen Sie schnell auf den Punkt. Mails mit Vorab-Anfragen, ob man denn der Redaktion vielleicht ein Thema anbieten dürfe, sind überflüssig und werden selten beantwortet. Erregt der Themenvorschlag hingegen direkt das Interesse des Empfängers, sind die Chancen auf eine Reaktion weitaus größer. 

„Freie Journalisten sollten ihr Thema gut verkaufen – prägnant und so kurz wie möglich“, empfiehlt Cornelia Fuchs, stellvertretende Chefredakteurin des Stern. Schon der Betreff einer E-Mail sollte eindeutig das Thema benennen. „Küchenzuruf“ nennt sich das im Journalismus: Der Kern einer Geschichte muss so klar und eindeutig formuliert sein, dass man ihn jemandem zurufen könnte, der gerade in der Küche steht, so dass er direkt weiß, um was es geht. „Lange Mails mit den ausführlichen Ergebnissen einer Recherche lesen zu müssen, hilft uns nicht weiter“, betont die Chefredakteurin. Ebenso wenig hält sie von journalistischen Themenvorschlägen, die mit PR vermischt sind.

Wichtig ist Cornelia Fuchs bei der ersten Kontaktaufnahme, dass der Journalist sich vorab Gedanken gemacht hat, wo ins Medium sein Thema passen könnte: in welches Ressort, als welches Format, auf welchen Kanal. Auch Sina Andreae, Redakteurin bei Brigitte, legt Wert darauf, dass Journalisten sich das Medium, das sie anschreiben, schon mal angeschaut haben, und ihre Themenvorschläge darauf ausrichten. „Eindeutige Massenmails fallen negativ auf – vor allem, wenn dann vielleicht noch versäumt wurde, den Namen des Mediums in der Mail auszutauschen.“ Aus Zeit- sowie aus Sicherheitsgründen bevorzugt sie zudem, wenn das Thema direkt in der Mail umrissen wird statt in einem separaten Word- oder PDF-Anhang. Fertige Artikel zu schicken, ist in den wenigsten Fällen sinnvoll, da man vorher nie weiß, was genau die Redaktion in welcher Form benötigt. Die Mühe, einen Artikel umzuschreiben, macht sich kein Redakteur – und für den Journalisten wäre es auch doppelte Arbeit.


Was ist mit der Redaktion zu klären, bevor man mit dem Schreiben beginnt?
Auch wenn man sich am Telefon bereits geeinigt und Details zum Artikel besprochen hat, empfiehlt es sich, im Anschluss die Inhalte des Gesprächs noch einmal schriftlich zusammenzufassen und sie von der Redaktion bestätigen zu lassen. Dazu gehören: 

 Thema und Ausrichtung des Beitrags

  •  Unter Umständen Anzahl, ggf. auch bereits Namen der Interviewpartner
  •  Format des Beitrags
  •  Länge
  •  Honorar
  •  Deadline

Nicht vergessen: Kontaktdaten (E-Mail und Telefon) für Rückfragen seitens der Redaktion


Kira Brück, freie Journalistin aus Berlin, hat gute Erfahrung damit gemacht, maximal drei Themenvorschläge zu verschicken. „Dabei sollte man nicht nur das Thema umreißen, sondern immer auch seine Relevanz hervorheben“, so ihr Tipp. Außerdem hat es sich für sie bewährt, vorab konkrete Ansprechpartner für das Ressort zu recherchieren, denen sie ein Thema anbieten will. „Mails an allgemeine Redaktionsadressen oder Formulierungen wie ‚Liebes Redaktionsteam‘ bringen gar nichts. Am besten ist es, in seinem Netzwerk zu fragen, ob jemand schon einen Kontakt zur Redaktion hat und man sich auf den Kollegen oder die Kollegin beziehen darf. Noch besser: Die Person macht ein Intro“, sagt Kira Brück. Sie hat sich auf Wirtschafts-, Gesellschafts- und Gesundheitsthemen spezialisiert.

Spezialisierung ist auch Geraldine Friedrichs Strategie: Die freie Reise- und Wirtschaftsjournalistin aus dem Landkreis Lörrach empfiehlt jedem, in ein paar Themenfeldern zum Experten zu werden. „Zum einen muss ich mich dann nicht immer wieder neu einarbeiten, zum anderen kann ich gezielter Medien suchen, die sich genau mit meinen Themen beschäftigen.“ Sollte der Vorschlag der Redaktion nicht passen, kann man direkt Alternativvorschläge machen und ins Gespräch kommen. Jörg Stroisch aus Köln macht es genau so: Er zieht viele Themen, über die er schreibt, aus seinen Podcasts. Aktuell beschäftigt er sich darin mit dem EU-Verbraucherschutz. „Allein durch die Auswahl meiner Podcast-Gesprächspartner bin ich schon mit einigen Redaktionen in Kontakt gekommen“, berichtet der Fachjournalist, der sich auf Versicherungen, Immobilien und Digitales spezialisiert hat. „Je besser man spezialisiert ist, umso höher fallen in der Regel die Honorare aus, oder man hat mehr Verhandlungsspielraum“, so seine Erfahrung. „Wer nur wenig über ein Thema weiß, ist austauschbar.“ 

Apropos Honorar: Diesen Aspekt sollten freie Journalisten bei der Kontaktaufnahme von Redaktionen ebenfalls auf dem Schirm haben. Aber viele scheuen sich, das Thema Geld von sich aus zu erwähnen. „Oft bin ich die Erste, die auf das Honorar zu sprechen kommt“, berichtet Sina Andreae. „Aber selbstverständlich ist es völlig in Ordnung, wenn die Journalistin oder der Journalist proaktiv einen Vorschlag macht.“ Bei der Brigitte gebe es feste Sätze für einen Beitrag, bei außergewöhnlich hohem Recherche- oder Schreibaufwand sei eine Anpassung möglich, sagt die Redakteurin. Auch der Stern hat klare Honorar-Richtlinien. „Wenn jemand genaue Vorstellungen davon hat, was er für einen Beitrag haben will, gehen wir gern in Verhandlungen, wenn wir uns auf den Aufwand und ein Format geeinigt haben“, erklärt Cornelia Fuchs.

Kira Brück hält es für essentiell, den eigenen Tagessatz zu kennen, bevor man an Redaktionen herantritt. „Nachdem geklärt ist, was der Redakteur oder die Ressortleiterin von mir erwartet – etwa die Anzahl der Interviewpartner, Expertinnen oder zusätzliche Infokästen –, sage ich, was ich für den Artikel an Honorar brauche. Und zwar genau in diesem Wortlaut.“ Wenn Redaktionen nicht von ihren festen Sätzen abweichen wollen, kann man, sofern man seinen Bedarf kennt, immer noch entscheiden, ob man bereit ist, für das angebotene Geld zu arbeiten. Geraldine Friedrich setzt bei der Bezahlung auf Mehrfachverwertung: „Ich feilsche selten beim Honorar, sondern sorge lieber dafür, dass ich das Thema bei mehreren Redaktionen unterbekomme“, so ihr Ansatz. Wichtig sei dabei, mit den Redakteuren immer die Nutzungsrechte abzuklären. Wenn ein Medium einen Bericht exklusiv veröffentlichen möchte, muss es ein entsprechend hohes Honorar bieten.

Da die meisten Redaktionen täglich viele Hundert E-Mails erhalten, kann es passieren, dass ein Themenvorschlag mal untergeht. „Es ist zwar unser Anspruch, jedem eine Antwort zu geben, aber manchmal kann es etwas länger dauern, bis wir uns melden, zum Beispiel weil wir das Thema auf Wiedervorlage gelegt haben“, erklärt Cornelia Fuchs. „In solch einem Fall haben wir nichts dagegen, wenn jemand nachhakt und dabei betont, warum es sinnvoll wäre, wenn sich unsere Redaktion nochmal mit dem Thema beschäftigt.“ Auch Sina Andreae bittet darum nachzufassen, wenn sich die Redaktion nach einer gewissen Zeit nicht zurückmeldet. „Vor allem, wenn es dringend ist, etwa weil eine Interviewpartnerin nur für einen bestimmten Zeitpunkt zur Verfügung steht.“

Fakt ist: Freie Journalisten, die ihre Themen in Redaktionen anbieten wollen, brauchen oft einen langen Atem. Je besser sie sich vorbereitet haben und je genauer das Thema zum Medium passt, umso höher sind die Chancen, einen Treffer zu laden. Dass Redaktionen von sich aus auf freie Journalisten zukommen, muss man sich meist erst erarbeiten. „In den ersten zwei, drei Jahren meiner Selbstständigkeit musste ich erst Kontakte aufbauen“, erinnert sich auch Kira Brück. „Doch seit ich Fuß gefasst habe, brauche ich kaum noch zu pitchen oder Akquise zu betreiben.“ _

 

Sabine Olschner ist seit 30 Jahren als Journalistin tätig. Nach dem Publizistik-Studium arbeitete sie zunächst als Redakteurin bei einem Verlag für Hochschulmedien und betreute das Mitarbeitermagazin bei einem Versicherungsunternehmen. 2004 machte sie sich als freie Journalistin und PR-Texterin selbstständig. Ihr Schwerpunkt liegt auf Ratgeber- und Servicetexten, unter anderem zu Karriere- und Finanzthemen. 

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21. Jahrgang

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  • PressCreditCard
  • Die Kluft zwischen Versprechen und Wirklichkeit
  • Sichtbar werden ohne großes Budget
  • Küchenzuruf bringt Aufmerksamkeit
  • Deepfakes und die Pressefreiheit
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