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Die Journalistenverbände verbinden

OSTKREUZ ein Erfolgsmodell

In diesem Jahr ist es 35 Jahre her, dass sich die Fotoagentur OSTKREUZ gründete. Aber nicht nur die Welt hat 
sich in den letzten Jahrzehnten verändert, auch der Journalismus hat einen dramatischen Wandel erlebt. Heute stellen sich Fragen wie: Sind Ereignisse und Nachrichten authentisch oder Fake News? Bilden Fotografien noch ab, was tatsächlich passiert, oder sind es KI-generierte Fake-Bilder? In diesen unsicheren Zeiten braucht es mehr denn je Fotografen und Fotografinnen, die Themen aufspüren, einen eigenen Blickwinkel haben und die Welt authentisch zeigen. Auch wenn sich die Fotografie und die Weltlage mit ihren dramatischen Nachrichten verändert, Qualitätsjournalismus und die Dokumentarfotografie müssen verlässliche Quellen sein. 

Von Ingeborg Ruthe

Ostkreuzler kommen seit 35 Jahren durch die ganze Welt. Ihre Reportagen belegen – immer mit dem Manifest der Conditio Humana – den Umbruch, den Aufbruch, die Verwerfungen wie die Hoffnungen im Ostblock, das Warten und den Weg nach Europa. Durch ihre Objektive sahen sie jene westlichen, südlichen Welten, die vorher durch den Eisernen Vorhang versperrt waren. Sie gelangten an Brennpunkte und Schauplätze der Geopolitik mit all den Krisen, Konflikten, Kriegshandlungen.
Ostkreuz, 1990 voller Wagemut gegründet von Sibylle Bergemann (2010 gestorben), Ute und Werner Mahler, Harf Zimmermann, Jens Rötzsch, Harald Hauswald und Thomas Sandberg, war damals ein Überlebensakt inmitten der chaotischen, teils orientierungslosen Wendezeit. Die Auftragslage für ostdeutsche Fotografen war prekär: DDR-Redaktionen und Verlage wurden verkauft oder abgewickelt. Zugleich aber war die Gründung ein Aufbruch, um gleichgesinnte, individualistische Persönlichkeiten zusammenzubringen zu einer egalitären Gemeinschaft.
Nomen est omen. Ostkreuz heißt der Ost-Berliner Verkehrsknotenpunkt mit dem markanten alten Wasserturm. Die Form passt, erinnert an eine Windrose, die in alle Himmelsrichtungen weist. Die Gründer waren so anspruchsvoll, sich die legendäre Fotoagentur Magnum, 1947 aus der Taufe gehoben unter anderem von Robert Capa und Henri Cartier-Bresson, zum Vorbild zu nehmen. Damit auch den ungeschminkten, glaubwürdigen Blick auf die menschliche Komödie. Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den Textautoren: Jeder für alle. Alle oder keiner. Kein Starkult, gemeinsame Vermarktung, geteilter Erlös, geteiltes Risiko.
Ostkreuz hat seither nicht nur zig ­Fotopreise eingefahren, die Agentur hat sich auch verjüngt. Etliche der mittlerweile 25 Fotografinnen und Fotografen wurden an der privaten OSTKREUZ-Schule ausgebildet. Und alle, so subjektiv auch der Kamerablick, interessieren sich für den utopischen Raum Europa. Sie nehmen die demokratiebedrohende Spaltung und Zerstörung der Utopie schmerzhaft wahr  – die Flüchtenden, den Klimawandel, islamistischen und rechten Terrorismus, rechtsradikale und nationalistische Tendenzen, nicht zuletzt die Folgen der Corona-Pandemie. Und sie beobachten den lokalen Alltag seit 35 Jahren nach dem Mauerfall. In Berlin, in der Region.
Seit 1990 wurden große nationale und internationale Zeitschriften- und Zeitungsverlage zu Abnehmern und Auftraggebern. Die Qualitäten von OSTKREUZ wurden rasch erkannt. Inzwischen gibt es keinen Europäischen Monat der Fotografie mehr ohne OSTKREUZ-Beitrag. Und im vorigen Jahr gab es eine große OSTKREUZ-Schau über die 1990er-Jahre in der weltbekannten Fotografie-Instanz C/O Berlin.
OSTKREUZ erlebt hautnah und empfindlich mit der Informationsflut von Internet und Social Media, wie der Umgang mit einer echten „angewandten“ Fotografie auch in den Medien, den großen Zeitschriftenverlagen immer verknappter, die „Bildarbeit“ immer beliebiger, mainstreamiger, oberflächlicher, unglaubwürdiger wird. 
Die Corona-Pandemie mit all ihren Kontaktsperren, der Separierung der Arbeitsaufgaben auch im Journalismus, die Distanz der Redaktionsleute, der fehlende direkte Austausch durch die Homeoffice-Arbeit verstärkte diese fatale Entwicklung: Echte, solide Auftragsarbeit wird immer seltener, nur um Geld und Zeit zu sparen, während Fake News sich mit Fake-Fotos verbinden, selbst naheliegendste Themen oft nur wahllos, geistlos, wohlfeil oder willkürlich ­illustriert werden.

Ein Versuch gegen die Beliebigkeit

„Uns OSTKREUZ-Fotografen geht das ­völlig gegen unser Credo“, sagt Maurice Weiss, der seit 30 Jahren Mitglied bei OSTKREUZ ist. So könne kein Reporter seine Berichtspflicht erfüllen. Das sei keine Alltagsbegleitung für Leser und auch nicht für Online-User. 
„Stirbt der Lokaljournalismus, stirbt die Demokratie“, fasst Maurice Weiss seine herbe Erkenntnis zusammen und meint, das müsse er im Blick auf die Rechts-Tendenzen in den östlichen Bundesländern nach der Bundestags- und Europawahl wohl nicht noch deutlicher ausführen. Der gebürtige Franzose studierte in Dortmund bei der Ost-Berliner Fotografenlegende Arno Fischer Fotografie, ging dann in dessen Fotoschule am Schiffbauerdamm und kam über die OSTKREUZ-Mitgründerin Sibylle Bergemann zur Agentur.
„Als lokale Chronisten, die das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zeigen, schließlich hängt alles mit allem zusammen“, sagt Maurice Weiss. Ein ähnliches Projekt startete übrigens schon vor Jahren die New York Times, als „Ortsbeschreibungen“ mit Fotos und Texten darüber, wie es um die Nachbarschaft in amerikanischen Städten bestellt ist, welche Vorzüge oder welche Probleme es gibt.

Das Geschehen vor der Haustür

In Berlin-Prenzlauer Berg liegen die Dinge anders als in Neukölln oder im Wedding. In Berlin-Mitte anders als in der Uckermark, in der Prignitz oder im Elbe-Elster-Kreis. Das Thema auf die lokale Ebene herunterzubrechen ist für eine Zeitung wichtig – die Leser interessieren sich schließlich für das Geschehen direkt vor ihrer Haustür. Doch wie packt man das alles beim Schopf, vor Ort, genau beobachtet, authentisch, glaubwürdig? 
Die Fotografen und Fotografinnen der OSTKREUZ-Fotoagentur haben ganz unterschiedliche Lebensläufe, unterschiedliche Arbeitsweisen, doch es eint sie ihr gesellschaftliches Engagement und ihre Leidenschaft für die authentische Fotografie. 
Dies zeigt sich im großen Portfolio von Zeitungen und Zeitschriften, für die die OSTKREUZ-Mitglieder fotografieren. Büroleiter Christian Pankratz, der seit 2011 für OSTKREUZ arbeitet und seit zehn Jahren das OSTKREUZ-Büro leitet, zählt einige der Auftraggeber auf, mit denen OSTKREUZ regelmäßig zusammenarbeitet. „Zu unseren Auftraggebern und Kunden zählen, Stern, GEO, Der Spiegel, SZ-Magazin, Süddeutsche Zeitung, arte, DIE ZEIT, FAZ, Neue Züricher Zeitung, Le Monde oder die New York Times.“ Auch Fachverbände wie die Stiftung Wissenschaft und Politik oder Kulturinstitutionen wie das Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, das Berliner Ensemble oder das Schauspielhaus Bochum gehören zu den OSTKREUZ-Kunden. Die Fotografinnen und Fotografen werden auch für Modeproduktionen wie beispielweise für das Modelabel Brioni engagiert oder für Werbefotos für MetaDesign, der KfW Bank und Volkswagen.
„Das OSTKREUZ-Fotoarchiv umfasst inzwischen 140 000 Fotografien von insgesamt 56 Fotografen – davon 25 Mitglieder der OSTKREUZ-Agentur und 31 Externe“, sagt Pankratz. Er ist die Schnittstelle zwischen der Ostkreuz-Fotografen und den Kunden und begleitet und konzipiert eigenständig Ausstellungen und Projekte mit dem Bildmaterial der OSTKREUZ Fotografen.

journalistenblatt 2025-4

USA - wenn nichts mehr sicher ist

21. Jahrgang

Das Medienmagazin journalistenblatt mit diesen Themen:

  • Editorial
  • Wenn nichts wie gestern ist
  • OSTKREUZ ein Erfolgsmodell
  • Magische Komplizen
  • Die Tagesschau künftig mit Avataren?
  • PressCreditCard
  • Die Kluft zwischen Versprechen und Wirklichkeit
  • Sichtbar werden ohne großes Budget
  • Küchenzuruf bringt Aufmerksamkeit
  • Deepfakes und die Pressefreiheit
  • Fotos per KI-Dialog verändern
  • Engagement - RückBLENDE
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